Schreiben – wie, warum, worüber?

Eine Schreibwerkstatt mit der Autorin Iris Lemanczyk

Woher nimmt eine Autorin die Ideen für ihre Geschichten? Zu welcher Tages- oder Nachtzeit hat sie ihre kreativen Phasen? Kann man vom Bücherschreiben leben? Wie und über welchen Zeitraum entwickelt sich ein Buch? Auf solche und ähnliche Fragen ging die Stuttgarter Autorin Iris Lemanczyk ein, indem sie den Schülerinnen aus ihrem Alltag als Schriftstellerin erzählte. Dazu und um etwas von ihrem Handwerkszeug an sie weiter zu vermitteln, war sie an einem Samstag im Februar 2019 ans Staufer-Gymnasium eingeladen worden. Dort verbrachte sie den Vor- und einen Teil des Nachmittags mit acht (von zehn) Schülerinnen der Begabtenförderung für literarisches Schreiben, die es seit Beginn des Schuljahres 2018/19 für die Klassen 8 an unserer Schule gibt.
Iris Lemanczyk schreibt Kinder- und Jugendliteratur und hat vor kurzem ihr erstes Buch für Erwachsene veröffentlicht. Das Besondere an ihren Büchern ist, dass deren Geschichten nicht einfach so im Kopf der Autorin entstehen, sondern aus dem Leben gegriffen sind – aus dem Leben vieler verschiedener Menschen an vielen verschiedenen Orten dieser Erde, die Frau Lemanczyk bereist. Das Reisen sei ihre Leidenschaft, bekennt sie, und darum arbeite sie auch so gerne als Schriftstellerin, weil ihr der Beruf diese Freiheit erlaube. Anders als z.B. eine Stelle bei der Zeitung, die sie ganz zu Anfang ihrer beruflichen Laufbahn für zwei Jahre als Sportredakteurin in Namibia innehatte. Sie schreibt zwar weiterhin Artikel für Zeitungen, beispielsweise für die Kinderseite der Stuttgarter Zeitung, doch wolle sie nicht von morgens bis abends in der Redaktion verbringen.
Lieber habe sie die Möglichkeit, andere Länder kennenzulernen und dort auf Menschen und Geschichten zu treffen. In einem Notizbuch sammelt sie unzählige Eindrücke, die sie dann zu Hause zu ihren Büchern verarbeitet. Dabei entstehen Erzählungen von ungewöhnlichen Schulwegen, die Kinder weltweit gehen, von Kinderhandel in China oder dem Schicksal eines Flüchtlings aus Tunesien, von Menschen aus Indien, Afrika oder – so in ihrem zuletzt erschienenen Buch für Erwachsene – aus dem Iran. Dabei schreibe sie am liebsten alle ihre Ideen wild und wirr auf schlichte DINA4-Bögen, die ihren Fußboden übersäen, bis ihr Inhalt sich beim Schreiben zur Ordnung der einzelnen Buchseiten zusammenfügt. Morgens vor dem Aufstehen kommen ihr meist die besten Ideen, die sie dann in den ruhigen Stunden des Vormittags zu Papier bringt. Nachmittags werde weiter recherchiert oder überarbeitet, denn eine kreative und produktive Phase lasse sich nicht viel länger als vier Stunden aufrechterhalten. Iris Lemanczyk erzählt so schlicht, aber gleichzeitig so interessant, wie es dem Stil ihrer Bücher entspricht, von dem die Schülerinnen schließlich auch eine kleine Kostprobe erhalten.
Doch die Einblicke in den Alltag der Schriftstellerin nehmen nur einen Teil der Zeit ein, die sie mit den Schülerinnen verbringt. Diese sind schließlich nicht nur zum Hören, sondern vor allem auch zum Schreiben da, für das sie vom Profi weitere Anregungen bekommen sollen. So beginnt die eigentliche Schreibwerkstatt mit der Formulierung gelungener „erster Sätze“: Eine Situation wird geschildert und ein interessanter erster Satz formuliert. Wie nehme ich dabei meine Leser*innen sofort mit, wie wecke ich das Interesse für die folgende Geschichte? Das ist hier die Herausforderung. Keine langweilige Klärung von W-Fragen, sondern ein packender, prägnanter, pfiffiger erster Satz.
Schließlich lebt eine Geschichte von einem interessanten Charakter. Um ihn zu entwickeln, notiert Iris Lemanczyk Namen an die Tafel, die zum Teil deutsch, zum Teil ausländisch klingen. Der Schreibimpuls lautet, dem Namen einen Charakter zu verleihen, indem bestimmte Eigenschaften, Herkunft, Vorlieben und Ticks festgelegt werden. Es entstehen so fiktive Figuren, die schon bei ihrer kurzen Charakterisierung durch die Schülerinnen Kontur gewinnen. Jeweils zwei dieser Figuren treffen sodann aufeinander und entwickeln gemeinsam einen Dialog, denn Gesprächssequenzen machen Geschichten lebendig und ermöglichen es darüber hinaus, den Charakter einer Figur noch deutlicher zu profilieren. Was die Schülerinnen nach der kurzen Schreibphase vorlesen, macht Lust auf mehr…
Um ein Buch entstehen zu lassen, muss man nicht nur Ideen haben und Zeit, um sie aufzuschreiben, man braucht – und das fällt besonders schwer – auch Geduld, den eigenen Text zu überarbeiten. Nicht die erste Fassung ist die beste und sich das einzugestehen erfordert eine große Portion Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und dem eigenen Schreibprodukt. So widmen sich die Schülerinnen in der letzten Phase der Schreibwerkstatt noch einmal bereits entstandenen Texten, die sie vorlesen und für deren Weiterentwicklung sie sich Anregungen aus der Gruppe und von Frau Lemanczyk holen. Für sie sei besonders wichtig, Füllwörter wie „irgendwie“ oder „eigentlich“ zu vermeiden, betont die Autorin, und es komme darauf an, logisch zu schreiben. Schließlich dürfe man sich nicht um den passenden Ausdruck drücken, der einen Vorgang genau beschreibt. Wichtig sei auch ein Prinzip, das die Schülerinnen bereits aus ihrer Arbeit in der Schreibgruppe kennen und das sich auf die Formel bringen lässt: „Don`t state – show!“ „Behaupte nicht – zeige!“ Zeige beispielsweise die Gefühle einer Figur anstatt sie zu behaupten und lass dabei dem Leser Freiraum für die eigene Phantasie und Empfindungsfähigkeit.
Der Tag mit Iris Lemanczyk war eine kleine Reise in die Welt des Schreibens und der Bücher, auf die sich die Mädels der Schreibgruppe bereits eingelassen haben und die sie hoffentlich fortsetzen werden. Denn da gibt es noch viele Geschichten, die erzählt und geschrieben werden wollen, in der Phantasie oder auch im realen Leben!
Danke, Frau Lemanczyk, für Ihren bereichernden Besuch und euch, Mädels, für euer Interesse und für die Zeit, die ihr eurer Leidenschaft fürs Schreiben mit so viel Motivation und Eifer widmet!
Ihre/Eure Annemarie Piehler
Weitere Eindrücke:

Drucken

Impressum & Datenschutzerklärung