(R)Eimblicke in den Deutschunterricht am Staufer

Der Literarische Abend im Juni 2018

Was erwartet man als Interessierte/r von einem literarischen Abend? Lesungen, Gedichtvorträge und den einen oder anderen selbst geschriebenen Text!
 
Was erwartet man als Eingeweihte/r von einem Literarischen Abend am Staufer? Einen heißen, ziemlich voll besetzten Raum im Jakob-Andreä-Haus, ein Programm, das sich immer etwas über die angesetzte Länge hinaus ausdehnt, weil so viele Schüler*innen im Laufe des Abends die Bühne betreten und verlassen, ein vielseitiges Programm!
Was erwartete das interessierte Publikum des diesjährigen Literarischen Abends am Staufer? Gedichtvorträge – ja, kunstvoll inszeniert.
Lesungen – ja, tatsächlich die eigener Texte.
Ein heißer Raum – ja!
Ein Programm, das etwas längere Zeit beanspruchte – auch das!
Vielseitigkeit – ja!!
Nämlich einen Reigen an kurzen, prägnanten Einblicken in die Arbeit an Texten, in die Beschäftigung mit Sprache und in die kreative Auseinandersetzung mit Literatur. Das alles auf einem bemerkenswerten Niveau, wenn man bedenkt, wie wenig Zeit zum Proben solcher Miniaturen während des regulären Deutschunterrichts – gerade gegen Ende des Schuljahres – bleibt:
Ein selbst entworfenes Märchen einer Schülerin aus Klasse 6 bediente sämtliche Märchenklischees und wurde mit viel Witz inszeniert: Prinz kommt mit fliegendem Papppferd, hilft niedergeschlagener Prinzessin aus der Krise, kämpft schwertgewaltig mit bösem Zauberer und wird ritterlich verwundet, was ihn schließlich der Fürsorge der Prinzessin zuführt. Flugs ist die Sympathie bekundet, die Eltern halten die beiden für ein treffliches Paar und es wird Hochzeit gehalten.
Das Genre der Ballade wurde auch dieses Jahr wieder von zwei siebten Klassen aufgegriffen: Die 7c entschied sich für eine musikalische Inszenierung der „traurigen Krönung“ von Eduard Mörike, begleitet von drei Geigen und Klavier. Die 7a baute schnell die Bühne zum Schiff um, das auf dem Weg nach Buffalo in Brand geriet. Dessen bunt zusammengewürfelten Passagiere, von denen man – anders als im Originaltext – so einiges über den Hintergrund ihrer Reise erfährt, geraten in Panik, und umso eindrücklicher wirkt die Ruhe John Maynards am Steuerrad, der`s hält, der auf Buffalo zuhält, der am Ende die Kron erhält, weil er sein Leben opfert.
Alle weiteren Beiträge stammten von den 10. Klassen an aufwärts, eine Besonderheit des Literarischen Abends in diesem Jahr: Einen kurzen, heiter bis ernsten Streifzug durch die Liebeslyrik der Jahrhunderte boten die Schüler*innen der Klasse 10b, wobei ein expressionistisches Gedicht und ein moderner Rap in kunstvolle Zeichnungen übersetzt wurden.
Die 10c entschied sich, „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller in 5 Minuten auf die Bühne zu bringen, wobei Goethe, der zuvor schon himself eines seiner Gedichte vortragen durfte, sich versehentlich für den Schöpfer dieses Liebesdramas hält und zwischen den Protagonisten seines Künstlerkollegen und Busenfreundes Schillers herumtaumelt. Diese Figuren, erkennbar an ihrem Pappschild um den Hals, stellen sich in ihren jeweiligen überzeichneten Eigenarten vor:
Die liebe, schüchterne Luise; der wortgewaltige und überschwängliche Ferdinand, der sämtliche Grenzen überwinden und über das Ankerzentrum in Bayern nach Griechenland gelangen will, um den Intrigen des Präsidenten zu entkommen; Mr. President mit der Prinzenrolle in der Hand, Herr von Kalb undsoweiterundsofort… Die Komik der schillerschen Hyperdramatik wird auf herrliche Weise in Szene gesetzt, so dass sich am Ende sogar Julia in sie hinein verirrt, da sie ihr von ihrem Erschaffer Shakespeare her so vertraut vorkommt. Es sind dann doch 6 Minuten und 24 Sekunden – verzeihlich, angesichts von so viel Witz und Ironie!
Das Thema Kommunikation verband die Beiträge zweier Deutschkurse der Jahrgangsstufe 1: „Das Wort“ als Urelement der Kommunikation wird in einer Inszenierung des Gedichts „Unaufhaltsam“ von Hilde Domin geradezu meditiert. Das berühmte Frühstücksei von Loriot wird in einer alternativen Fassung von einem Mann für seinen Partner gekocht, ob nun reale oder gefühlte viereinhalb Minuten, bleibt wohl für immer eine Frage der Perspektive! Im Minidrama von Golo Richter erlebt Emilia Galotti einen Kulturschock, da sie plötzlich in die Welt der Digitalisierung eintritt und dort von den auf ihre Smartphones fixierten User*innen mal so gar nicht verstanden wird. Lol! Schade, dass ihr Lover sie daraufhin im Stich lässt und sich bei Tinder eine Neue sucht.
Der zweite Deutschkurs inszeniert einen Klassiker der Kurzgeschichten von Gabriele Wohmann, in dem eine junge Frau sehr viel Stärke zeigt, indem sie ihre Liebe zu ihrem Verlobten trotz der Häme ihrer Familie bekennt. Die Subtilität der Einstellungen, Haltungen und Vorurteile wird von den Schauspieler*innen mit viel Gespür für die prekäre Kommunikationssituation dargestellt.
Schließlich treten noch drei Wahlkurse mit ihren je eigenen Talenten auf: Der Theaterkurs, der Literatur- und Theaterkurs und der Nur-Literaturkurs. Ersterer zeigt eine abstrakte, sehr körperliche und dadurch eindrückliche Inszenierung des barocken und in seiner Grundaussage doch auch immer aktuellen Gedichts „Es ist alles eitel“ von Andreas Gryphius.
Gewartet wird in den Szenen, die im Literaturkurs geschrieben und im Literatur- und Theaterkurs mit Leben gefüllt wurden: Gewartet im Aufzug, an der Bushaltestelle und vor der Eisdiele. Interessant, wie schnell doch in solchen erzwungenen Wartesituationen Konflikte aufbrechen, Animositäten deutlich und Regeln des Anstands gebrochen werden! Die Schauspieler*innen spielen mit großer Ausdruckskraft und Impulsivität und sind sich auch nicht zu schade, am Ende absichtlich schlecht zu spielen, um auf ihr nächstes Stück in der kommenden Woche aufmerksam zu machen, das angeblich NOCH besser werden soll als die Appetithappen zu Beginn.
Zum Abschluss des Abends wird`s noch einmal ruhiger und auch etwas intimer: Vier Schüler*innen des Literaturkurses tragen ihre eigenen und sehr persönlichen Texte vor, mit denen sie auch die Slam-Bühne betreten könnten. Wie sie da stehen und ernsthaft oder mit Augenzwinkern über Lebensthemen wie verpasste Chancen, die Hektik des Alltags, die von niemandem respektierte Gewohnheit, mit Socken zu schlafen und die Erfindung von Kunststoff sprechen, wird einem irgendwie warm ums Herz. Schön, dass es das gibt: Dass sich jemand hinstellt, frank und frei über sich spricht, mit Wörtern jongliert, Sprache kostet und sich Ausdruck verleiht! Und sich über den herzhaften Applaus freuen kann!
Der Applaus gilt allen Beteiligten: Den Schüler*innen, den Kolleg*innen, Herrn Dr. Ilg als Organisator, der Technik-AG und zwei jungen Damen, die last but not least erwähnt werden sollen: Lara Krebs und Svenja Schäffer, die auf sympathische Weise durch den Abend führten, indem sie die meisten Beiträge anmoderierten und so dazu beitrugen, dass es ein straffes, in sich stimmiges Programm wurde.
Danke!

(T: Annemarie Piehler ; B: Gs)

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